Der eigene Wert

„Verkaufe dich nicht unter Wert“ - Das ist wohl mit eins der wichtigsten Dinge, die ich dir mitgeben kann und wohl auch eins der schwierigsten. Denn wann verkaufe ich mich unter Wert und wann nicht? Ist es nicht subjektiv? Und warum ist es so wichtig? Machen sich überhaupt andere Berufszweige darüber solche Gedanken wie wir Illustratoren (und damit meine ich auch alle anderen Künstler)?

Das größte Hindernis eines Illustrators ist wohl seine Tätigkeit an sich. Das Zeichnen. Denn Zeichnen macht Spaß, macht man in seiner Freizeit. Und warum sollte man für etwas, dass eine Hobbytätigkeit ist, (viel) Geld verlangen? Ganz einfach: Es ist ein Beruf. Kaum ein anderer Berufszweig muss sich für seine Preise so rechtfertigen wie wir. Die Brötchen beim Bäcker, der Landschaftsgärtner, der Dachdecker, die Kleidung in den Läden, usw. - Preisvergleich? Na klar! Die Preise wegen „Hobbytätigkeit“ als nicht gerechtfertigt erachten? Nein. Und auch niemand wird den Landschaftsgärtner fragen, ob er den Garten umsonst gestaltet würde - denn es wäre ja Werbung für ihn, wenn andere den gestalteten Garten sehen.

Man sollte sich sehr genau überlegen, wann man wie auf Anfragen eingeht. Gerade am Anfang ist es schwierig einzuschätzen, wann man Sonderverabredungen, wie reine Umsatzbeteiligung, eingehen kann und wann nicht. Als aller erstes muss eins gesichert sein: Der Lebensunterhalt. Wenn du weißt, dass du an dem Projekt so viel verdienst, dass du Nachts beruhigt schlafen kannst, ist es schon der erste Schritt sich nicht unter Wert zu verkaufen. Außerdem solltest du nur so viel eingehen, wie viel du tatsächlich möchtest und du solltest dich fragen: Gehe ich das jetzt ein, weil ich das für richtig erachte oder weil ich den Kunden so nett finde, dass ich mich emotional schon ein wenig genötigt fühle - es ist ja nur dies oder das, es geht ja schnell, und man versteht sich ja gut und möchte keinen „Unfrieden“ stiften.

Meine Schwiegermutter sagt immer, sie findet, dass ich einen schwierigen Beruf habe, da er so viel Zwischenmenschlichkeit mit sich bringt. Ja, das ist richtig. Meine Schwiegereltern haben eine Maschinenbaufirma und dort kommt ein Auftrag rein, dieser wird anhand von vordefinierten Leistungen im Buchhaltungsprogramm kalkuliert, abgeschickt, fertig. Ich muss sehr individuell nach den Nutzungsrechten schauen und ich habe auch sehr oft mit Privatmenschen zu tun, die ihre Buchprojekte aus eigener Kraft stemmen müssen, wodurch schon die Zweifel des Preises geweckt werden, weil man ja selbst weiß, wie es ist. Zu verinnerlichen, dass man Dienstleister ist und angefragt wurde und sich davon abzukapseln, die angefragten Projekte durch Verzicht auf seinen Lebensunterhalt mitzufinanzieren, weil man nicht auf eine angemessene Bezahlung besteht, ist sehr schwer. 

Natürlich betrifft das nicht nur die Privatmenschen ( und auch nicht alle. Hier muss ich eine Lanze für meine Kunden brechen - ihr seid super!). Auch Firmen und Verlage können auf die gleiche Art und Weise argumentieren. Und dann versucht man wieder abzuschätzen - passt das? Oder ist die Firma/Verlag groß genug? Wie wichtig wäre mir der Auftrag? Wäre es okay, auch weniger zu bekommen? Bin ich sonst dieses Jahr gut verplant? Oder könnte ich es mir sogar als Freizeitprojekt vorstellen?

Eins ist wichtig: Je professioneller ich mit den Kunden umgehe, desto professioneller geht der Kunde mit mir um. „Ich BIN Illustratorin.“ nicht „Ich wollte schon immer mal gern ein Bilderbuch illustrieren.“, „ich sende Ihnen mein Angebot zu.“ nicht „was würden sie mir dafür zahlen.“. Gehe ich (auch wenn es oft schwer fällt) als Geschäftsfrau auf den Kunden zu, dann wird dies gespiegelt. Und damit ist es leichter sich nicht „unter Wert zu verkaufen“. 

Jetzt möchte ich damit nicht sagen, dass man knallhart und eiskalt werden muss, nein. Ich duze meine Kunden und pflege auch eher einen freundschaftlichen Umgang (über diese Gradwanderung erzähle ich ein anderes Mal mehr), aber es gibt mittlerweile IMMER feste Richtlinien - und das sind mein Angebot und meine AGB oder ein Vertrag seitens des Verlages, worin definiert wird, wie viele Illustrationen, wie viele Korrekturschleifen, welche Nutzungsrechte, welcher Zeitraum und die Höhe der Summe. Alles, was darüber hinaus geschieht, muss erneut vereinbart werden. Hat man auf der beruflichen Ebene alles sauber abgesteckt, kann der Umgang mit Herz und Fröhlichkeit gefüllt werden.

Gerade am Anfang viel es mir sehr schwer. Ich formulierte Sätze wie „Ich bin gerade mit der Uni fertig“, „ich würde gerne helfen, bei...“, „ich wollte schon immer mal,...“ „Jetzt suche ich Aufträge,...“. Einer meiner ersten Aufträge war dann auch gleich ein schönes Buch, aber auch einer der größten Unzufriedenheiten meiner bisherigen Laufbahn. Ich glaube, er vereinbart genau alles, was passiert, wenn man seine Grenzen nicht absteckt und wenn man für sich und seinen Wert nicht einsteht.

Für ein Bilderbuch mit 46 Seiten plus Umschlag bekam ich 400€ ohne Umsatzbeteiligung. Das ist wenig. Trotzdessen bin ich damit im Reinen. Denn es war eine bewusste Entscheidung, die ich traf um mein Portfolio zu füllen. Sie war frische Autorin, es war ihr Erstlingswerk und so verabredeten wir, dass so die eine Hand die andere wäscht. Was im Nachhinein nicht in Ordnung war, war, dass ich z.B. noch Ausmalbilder erstellte, Werbematerial und Druckdateien von Bildausschnitten für private Sachen (z.B. Motiv für den Strampler ihres Neffen). Alles unter der Primesse, dass wir uns so gut verstehen. Aber je mehr ich gab, desto mehr wurde es als selbstverständlich genommen. Dann zwei, drei Jahre später - als ich schon gefestigter war: Sie wolle nun doch bitte meine offenen Photoshop-Dateien, weil sie die Möglichkeit hätte, dass aus dem Buch eine App wird. Ohne Bezahlung und Beteiligung selbstverständlich, denn ihr würden die Illustrationen schließlich gehören. Als ich ihr sagte, dass dies ohne angemessene Vergütung nicht passieren wird und sie die Summe sah, wurde sie unverschämt und meinte mir sagen zu müssen, ich könne froh sein, überhaupt einen Auftrag von ihr zu bekommen. Und die Krönung des ganzen: Sie verschwieg mir, dass das Buch in den Niederlanden einen Preis bekam.

Danach war die Geschichte für mich vom Tisch.

Diese Erfahrung hat mich sehr stark gemacht und mich darin bestätigt, dass man zuvor alles genau abstecken sollte. Natürlich kann man Ausnahmen machen. Ich habe z.B. eine zeitlang „Pro bono“- Fälle umgesetzt, für die sich Autoren bewerben konnten. Habe nur leider einfach keine Zeit mehr dafür. 

Aber oberstes Gebot ist: Dein Lebensunterhalt muss gesichert sein und der Umgang muss auf Augenhöhe sein. Denn eins darfst du niemals vergessen: Wir sind keine Bittsteller. Wir sind Dienstleister. Es ist unser Beruf.